| DIE GEIERWALLY |
|
Text großteils erstellt von:
Christian Schacherreiter, ergänzt und zusammen gestellt von
Dipl.Ing. Alois Rasinger,
|
| 1. DER STOFF | ||
|
1.1. Die historische Geierwally | ||
|
Das reale Vorbild für die Geierwally war Anna Stainer-Knittel. Die aus dem Lechtal stammende Frau wurde zur Legende, weil sie als Mädchen zweimal einen jungen Steinadler aus seinem Nest holte. Da das Muttertier sein Junges mit allen Mitteln verteidigt und das Nest in einer Felswand liegt, ist diese Unternehmen geradezu lebensgefährlich. Die Steinadler („Geier" war in Tirol ein volkstümlicher Ausdruck für alle Raubvögel) wurden von den Bauern der Region gejagt, weil sie junge Schafe rissen. Anna Stainer-Knittel studierte später allen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz in München Malerei und wurde eine geschätzte Malerin. Obwohl es zwischen der literarischen Wally und der historischen Anna deutliche Unterschiede gibt, kann man, unabhängig von der Geier-Episode, auch auf Ähnlichkeiten verweisen. In erster Linie ist zu bemerken, dass sich Anna Stainer-Knittel, ebenso wie die literarische Wally, den üblichen weiblichen Rollenklischees des 19.Jhs. nicht beugte. Es war für eine Frau ungewöhnlich, den Beruf der Malerin zu wählen, da ja der Besuch von Kunstakademien nur Männern gestattet war. Dennoch wurde Stainer-Knittel zu ihrer Zeit eine geschätzte Künstlerin. Auch in ihrem Privatleben bewies sie eine außergewöhnliche Autonomie. Gegen den Willen ihres Vaters heiratete sie den Gipsfigurenformer Engelbert Stainer und konnte – im 19.Jh. eine Rarität - erfolgreiche Berufstätigkeit mit der Mutter- und Ehefrauenrolle verbinden. Lebenslauf von Anna
Stainer-Knittel | ||
|
| |
|
Bilder links und rechts: Selbstportrait von
Anna Stainer-Knittel im Jahr 1863. Die Malerin war zu dieser Zeit 22 Jahre
alt Mit Klick auf das jeweilige Bilder kommen Sie zu eine druckgeeigneten Version, mit Klick auf das obige Logo zu einer druckgeeigneten Version des Logos | ||
|
1.2. Die Kunstfigur Geierwally | ||
|
1875 „Die Geierwally" (Roman von Wilhelmine von Hillern) 1881 Wilhelmine von Hillern bearbeitet ihren Roman für die Bühne. Auch das Theaterstück war erfolgreich und wurde insbesondere von Laien- und Heimatbühnen oft aufgeführt. 1892 Uraufführung der Oper „La Wally" von Alfredo Catalani (LIbretto: Luigi Illica). Das Libretto unterscheidet sich in wesentlichen Punkten vm Roman. Die Adler-Episode wird weggelassen. Die Handlung endet tragisch. Joseph wird von einer Lawine in die Tiefe gerissen. Wally springt ihm nach. 1921 Stummfilm mit Henny Porton in der Hauptrolle 1940 Verfilmung mit Heidemarie Hatheyer. In dieser Interpretation des Stoffs wird der nationalsozialistische Blut- und Boden-Mythos erkennbar. 1956 Neuverfilmung mit Barbara Rütting in der Hauptrolle 1987 Verfilmung als Slapstick-Comedy von Walter Bockmayer 1993 Version von Felix Mitterer 1996 „Die Geierwally. Ein steirisches Musical" von Reinhard P.Gruber | ||
| 2. DAS STÜCK | ||
|
Das Stück „Die Geier-Wally", beruht auf dem Roman von Wilhelmine von Hillern. Der Erzählduktus des Stücks folgt weitgehend der Romanvorlage. Die Ort des Geschehens ist das Venter Tal in Tirol. Wally ist die Tochter des reichen Bauern Stromminger. Sie ist in der Gegend bekannt, weil sie als Vierzehnjährige im Kampf gegen das Muttertier ein Geierjunges aus dem Nest geholt hat. Der Geier Hansl begleitet sie seither wie ein individuelles Symbol, zeitgeistig gesagt: wie ein „Logo". Die eigentliche Romanhandlung beginnt mit dem Firmungsfest, das Wally als Sechzehnjährige feiert. Während dieses Fests begegnet sie zum ersten Mal dem Bärenjoseph, einem Jäger, der für seinen Mut und seine Kraft bekannt ist und insbesondere als Bärentöter die Bewunderung der Menschen genießt. Joseph wird für Geier-Wally vom ersten Augenblick an zur absoluten Liebe. Das Verhängnis stellt sich allerdings noch an Ort und Stelle ein. Der alte Stromminger, der es nicht ertragen kann, weniger bewundert zu werden als Joseph und dessen verstorbener Vater, gerät mit Joseph in einen Zweikampf, in dem er unterliegt. Die Schande, zum „Kinderspott" geworden zu sein, erträgt er nicht. Als Wally nun dem Vater ihre Liebe zu Joseph gesteht, schlägt er mit seinem Stock so heftig auf sie ein, dass Wally meint, er habe ihr das Rückgrat gebrochen. Das ist aber nicht der Fall – und zwar durchaus im Doppelsinn des Wortes. Die Liebe zum Vater ist aufgrund dieses Vorfalls gestorben, die Liebe zu Joseph in ihrer Unbedingtheit gefestigt worden. Der alte Stromminger will seine Tochter mit dem reichen Bauern Vincenz verheiraten, aber Wally leistet erbitterten Widerstand. Der erzürnte Vater verbannt seine Tochter auf das Hochjoch des Murzolls. Dort soll sie so lange bleiben, bis sie ihren Trotz und Widerstand aufgibt. Wally findet sich in der Stein- und Eiswüste zurecht. In einer mythisch-traumhaften Episode nimmt der Berg die verstoßene Wally unter seine Töchter, die „saligen" (=seligen) Jungfrauen auf. Als sie aber, um ihren Seelenfrieden in der Abgeschiedenheit des Hochgebirges zu finden, ihre Liebesfähigkeit abtöten soll, weigert sich Wally. Die Liebe zu Joseph steht über allem anderen. Auf diese Liebe wird sie nie verzichten. Joseph allein ist der Grund dafür, dass Wally aus ihrer Bergeinsamkeit, die ihr „allmählich lieb" geworden ist, zurückkehrt. Auf dem väterlichen Hof wird sie mit einer höchst unerfreulichen Situation konfrontiert. Vincenz hat mittlerweile das Vertrauen des alten Stromminger gewonnen. Er schaltet und waltet auf Wallys Erbhof schon so selbstbewusst, er sei er der nächste Bauer. Auch das Gesinde verhält sich Wally gegenüber feindselig. Nur der alte Klettenmaier steht zu ihr. Schließlich kommt es zu einer direkten Konfrontation zwischen Wally und Vincenz, in deren Verlauf Wally den ungeliebten Bräutigam so heftig mit dem Holzbeil schlägt, dass dieser wie tot zu Boden sinkt. Stromminger kommt dazu, die Auseinandersetzung eskaliert. Wally wehrt sich mit brennenden Holzscheiten gegen ihre Verfolger. „Es war eine Jagd wie auf ein reißendes Tier, und zum reißenden Tier ist auch Wally geworden." Die Scheune geht in Flammen auf. Wally entkommt. Auf ihrer Flucht vor dem Vater kommt sie am Pfarrhaus vorbei und berichtet dem Pfarrer von den Vorfällen. Der Pfarrer erkennt sehr wohl, dass Wally nicht von Natur aus böse ist, sondern dass sie durch die Umstände in eine Außenseiterrolle geraten ist. Er warnt sie aber vor weiterer Verhärtung ihres Gemüts. „Hab ja Acht, mein Kind, dass dein Herz weich sei und nachgebe unter Gottes bildnerischem Finger. Wenn ein harter Druck dich unerträglich dünkt, so sei fügsam und denke, du spürst die Hand Gottes, die an dir arbeitet." Vergeblich sucht Wally nun Arbeit und Unterkunft. Eines Tages sinkt sie krank, ausgehungert und völlig erschöpft vor dem Rofener Hof nieder. Die Rofener sind zunächst bereit sie aufzunehmen, bis sie wieder gesund ist. Schließlich finden die Brüder Gefallen an ihr und bieten ihr an, einen von ihnen zu heiraten. Sie habe die Wahl. Aber Wally kann keinen anderen Mann lieben als den Bärenjoseph. Sie verlässt den Rofener Hof und geht zurück auf den Murzoll. Eines Tages tobt ein schreckliches Unwetter auf dem Hochjoch. Ein Mann und eine Frau sind davon überrascht worden und suchen bei Wally Zuflucht und Hilfe. Wally erkennt den Bärenjoseph, der von der Magd Afra begleitet wird. Diese Begegnung mit dem Geliebten nach langer Zeit bleibt aber folgenlos. Joseph scheint Wallys Zuneigung in keiner Weise zu erwidern. Der Tod des alten Stromminger führt Wallys Leben zu einem entscheidenden Wendepunkt. Sie ist nun die legitime Erbin und kehrt als Herrin auf den Höchsthof zurück. Sie verweist Vincenz, der trotz der schlimmen Vorfälle Wally zur Frau haben möchte, vom Hof. Auch andere Freier, die sich nun um die reiche Erbin bemühen, weist sie ab. Eines Tages erfährt Wally durch ein Gerücht, dass Joseph mit Afra eine Liebesbeziehung unterhält. Obwohl sie aufgrund ihrer eigenen Geschichte eigentlich wissen müsste, dass Besitz und äußeres Ansehen für Liebesbeziehungen nicht entscheidend sind, fühlt sie sich vor allem aufgrund ihrer sozialen Stellung gedemütigt: „An die Afra, an so eine armselige hergelaufene Dirn will er sich wegwerfen. Muß ich einer Magd weichen, ich, die Höchstbäuerin?" Um die Zurückweisung ihrer Liebe und die Kränkung ihres Stolzes zu bewältigen, nimmt Wally Zuflucht zu den Posen sozialer Überheblichkeit. In direkter Konfrontation mit der vermeintlichen Konkurrentin Afra beschimpft sie das Mädchen als „dahergelaufene Magd", als „schamlose Dirn, die sich den Buben vor aller Leut an den Hals wirft." Wally hat versprochen, dass sie den Mann, der ihr im Kampf einen Kuss abringen kann, heiraten werde. Keiner hat es bisher geschafft. Da kommt zu Wallys Überraschung der Bärenjoseph, um es zu versuchen. Nach langem, heftigem Ringen gelingt es ihm. Aber Joseph wollte nur zeigen, dass Wally besiegbar ist. Von Heirat ist keine Rede. Die zutiefst gedemütigte Wally – man erinnert sich hier an die mythische Brunhild! – fällt nun in unversöhnlichen Hass gegen den Mann, den sie liebt und der so verächtlich mit ihr umgeht. „Tot will ich ihn haben!", sagt Wally. „Wer Den seiner Afra tot vor die Füß legt – den heirat ich, so wahr ich die Walburga Strommingerin bin!" Selbst die Rofner Brüder, die immer zu Wally stehen, verweigern diesen Auftrag. Nur Vincenz, der Verstoßene, ist bereit, Wallys Wunsch zu erfüllen und den Bärenjoseph zu töten. Tatsächlich kommt Vincenz mit einer „Erfolgsmeldung" zurück. Der Bärenjoseph liege, von ihm selbst aus dem Hinterhalt niedergeschossen, tot in der Ache. Wally wird schlagartig bewusst, was sie angerichtet hat. Sie schreit um Hilfe. Vielleicht ist Joseph noch zu retten. - Der gewaltsam positive Schluss des Romans bringt ein Happy end. In der Linzer Inszenierung, so Dagmar Schlingmann, erscheint der versöhnliche Schluss eher wie eine Traumsequenz, ein Wunschtraum der geistig zerrütteten Wally, die wieder auf den Murzoll zurückgekehrt ist. Joseph ist in ihrer Vorstellung gerettet worden. Afra, so stellt sich heraus, ist nicht Josephs Braut, sondern seine Schwester. Das Paar Wally-Joseph geht seiner Verheiratung entgegen. „daß endlich zusammenkommt, was zusammengehört". | ||
| 3. DIE AUTORIN WILHELMINE VON HILLERN. EINE ZEITTAFEL | ||
|
1836 Charlotte Birch-Pfeiffer über ihre Tochter: "In dem Mädchen steckt ein wunderbarer Schatz, den aber nur die Hammerschläge des Geschicks heben werden -denn sie ist zu faul zu literarischer Arbeit." 1856 Hermann von Hillern über Wilhelmine: "Eine fantasievolle, keck bis an die Grenzen des künstlerisch Möglichen streifende Conception verbunden mit dem Streben nach ernster Wahrheit, unterstützt von der wärmsten Seele, geregelt durch einen klaren, bewußten Verstand und zu allem ein gewaltiges, umfangreiches, für jede Melodie der Seele empfängliches Organ." 1857/1858 Dieses traumatische Erlebnis, das wesentlich unter der Regie ihrer Mutter ablief, hinterlässt bei Wilhelmine einen tiefen Schock. Verklausuliert taucht es in den meisten ihrer späteren Dichtungen auf. Zugleich bedeutet es das Ende ihrer kurzen, vielversprechenden Bühnenlaufbahn. 1859-1863 1870 1873 1875 1881 1882-1916 1904 tritt Wilhelmine von Hillern im Kloster Ettal zum katholischen Glauben über. 1910 verkauft sie ihr Schlösschen und erwirbt eine Villa am Starnberger See, die sie aber nicht lange bewohnt. Schließlich zieht sie nach Hohenaschau, wo sie, wegen zunehmender Altersschwäche, von einer befreundeten Adelsfamilie gepflegt wird. Hier stirbt Wilhelmine von Hillern am 25.12.1916. | ||
| 5. ZUM VERGLEICH: DIE GEIERWALLY ALS MUSICAL VON REINHARD P.GRUBER |
|
Der steirische Autor Reinhard P.Gruber („Aus dem Leben Hödlmosers") verlegt die Handlung in die Steiermark der Gegenwart. Er gibt am Beginn eine präzise Figurenbeschreibung zu seinem Musical. Sowohl konkrete Unterschiede als auch typologische Ähnlichkeiten mit den Romanfiguren Wilhelmine von Hillerns sind erkennbar. Grubers Wally ist die Tochter des Großbauern Moarhofer aus der Weststeiermark. Der Vater wollte angeblich einen Sohn. Die verstorbene Mutter soll eine Dirn aus dem Slowenischen gewesen sein. Wallys Markenzeichen ist ein Dobermann, den sie vor dem Erschießen gerettet hat. „Ihr Wille ist schärfer als das Gebiss des Dobermanns". Stefan ist „der beste Bungee-Jumper, Motocross-Fahrer, Paragleiter, Extremkletterer, Frauenheld und Bärenjäger – der Schönste und Stärkste weit und breit." Im Handlungsverlauf folgt Gruber den wesentlichen Abschnitten des Romans. Die Handlung setzt allerdings erst an dem Punkt ein, als Wally aus ihrem „Exil" im Hochgebirge zurückkommt. Sie weigert sich den Bauern Willi zum Mann zu nehmen, so wie ihr Vater es verlangt. Wally schlägt Willi nieder, zündet den Heustadl an und flieht wieder auf die Alm. Dort begegnet sie ihrer großen Liebe Stefan. Ähnlich wie der Bärenjoseph in Hillerns Roman mit Afra auftritt, tritt Stefan in Begleitung Karins auf. Stefan will zunächst nichts von Wally wissen. Nach dem Tod des alten Moarhofer übernimmt Willi dessen Hof und führt dort ein Schreckensregiment. Die Köchin Mitzi bittet Wally von der Alm zurückzukehren und dem Gesinde beizustehen. Wally kehrt heim, schafft Ordnung und wird zur Buddhistin(!). Die Züchtung der Tiere für die Schlachtung wird eingestellt. Auf dem Stainzer Schilcherfest tanzt Wally mit Stefan. Er raubt ihr – so wie Joseph im Roman – den ersten Kuss, um sie zu demütigen. Willi schießt Stefan daraufhin mit einer Pumpgun nieder und wird abgeführt. Stefan überlebt - und letztlich gibt es ein Happy end. Reinhard P. Gruber folgt zwar der Romanhandlung, aber Form und Sprache des Musicaltexts konterkarieren oft die Vorlage. Viele Formulierungen in den Versen sind auf komische Wirkung hin angelegt. Die parodistische Absicht überwiegt. |
| Historische Infos zu Anna Stainer Knittel vulgo Geierwally |
|
Die wahre Geierwally - Anna
Stainer Knittel |
|
Malerin, "Geierwally" |
|
Sie war eine Großnichte des berühmten Malers Joseph Anton Koch und wurde am 28. Juli 1841 in Elbigenalp
geboren. Ihr zeichnerisches Talent zeigte sich oft in boshaften, aber treffenden Karikaturen ihrer Mitschüler. |
|
Betreuung der Foto- und Grafikseite und Koordinator von Marketing und Öffentlichkeitsarbeit sowie Fotorechte (sofern nicht anders gekennzeichnet): Dipl. Ing. Alois Rasinger 0650 86 86 836 |
| 3. „...WIR WOLLTEN WALLY RAUSHOLEN AUS DEM TRACHTENHUT- UND ALPENGLÜHN-IDYLL" |
|
Christian Schacherreiter sprach mit der Regisseurin Dagmar Schlingmann über die Schwierigkeit, einen alten Heimatroman auf eine moderne Bühne zu bringen. GERM: Die Geier-Wally verbinden wir einerseits mit einem trivialen Heimatroman des 19.Jahrhunderts, andererseits mit einer ideologisch geprägten Verfilmung aus dem Jahr 1940. Was veranlasst eine Regisseurin im Jahr 2000 sich mit diesem Stoff zu beschäftigen? SCHLINGMANN: Die Idee dazu stammt von Ursula Thinnes, die auch die Dramaturgin des Stücks ist. Es ist ein zutiefst österreichischer Stoff, der ja auch schon in allen Varianten präsentiert wurde. Es gibt zum Beispiel vier Verfilmungen. Zuletzt hat man das in Köln gemacht in der Filmloge. Das war aber mehr Ulk und Klamauk. Vor einigen Jahren gab es in Stuttgart am Stadttheater eine ernsthaftere Fassung, die ganz und gar auf die Liebesgeschichte gegangen ist. Wir haben jetzt eine eigene Fassung gemacht. GERM: Ich nehme an, dass sich eure Fassung deutlich von der Urfassung von Wilhelmine von Hillern unterscheidet. Wo liegen die wesentlichsten Veränderungen? SCHLINGMANN: Das war ja ein ganz klassischer Heimatroman. Aber er unterscheidet sich von anderen Heimatromanen doch deutlich durch die Hauptfigur. Wally ist ein sehr rebellisches Mädchen. Natürlich ist der Roman trivial, keine Frage, auch teilweise kitschig, aber die Geschichte nimmt einen doch gefangen. Ich hab mich gefragt: Woran liegt das? Und wir haben angefangen an dem Roman zu arbeiten. Wir haben gefiltert, haben immer mehr das Ornamentale, das zum Kitsch wird, rausgelassen. Und so kam ein sehr poetisches Material zu Tage und auch eine ziemlich gute Geschichte. GERM: Der Roman ist in gewisser Weise „dramatisch" gebaut, zum Beispiel dialogreich. SCHLINGMANN: Ja, es gibt genug Dialoge. Die haben wir allerdings schon auch verändert. Im Roman sprechen die Figuren kein Tirolerisch. Es ist ein Kunstdialekt. Wir haben auch da an der Sprache gearbeitet, vor allem wieder die Üppigkeit weggenommen. So wie wir ja überhaupt dieses Trachtige rauskriegen wollten, das in den Verfilmungen da ist, das aber unserer Ansicht nach gar nicht zum Stoff passt. Wir wollen die Wally rausholen aus dem Trachtenhut- und Alpenglühn- Idyll. Die Geschichte etwas ins Zeitlose heben. So ist das auch angelegt vom Kostüm her. Und auch im Bühnenbild gibt es keinen Naturalismus. Was wir aufgegriffen haben, ist die Schroffheit der Alpen. Aber das Graue, das könnte auch Beton sein, könnte sogar eine Stadtlandschaft sein. Aber die Abgeschiedenheit, die im Dorf herrscht, die haben wir schon sehr ernst genommen. GERM: Würdest du den Begriff Antiheimatliteratur für eure Fassung gelten lassen? SCHLINGMANN: Ja, doch. Natürlich ist da diese berührende Liebesgeschichte, aber die ereignet sich vor dem Hintergrund der Gesellschaft, des Dorflebens, katholisch, sehr streng, sehr konservativ. Dieses Mädchen mit seinen Bedürfnissen, seinem Glücksanspruch passt da einfach nicht hinein. So wird Wally immer eigensinniger, immer trotziger. Und immer mehr stoßen die anderen sie auch aus. GERM: Aber Wally wird doch auch von Männern geliebt oder zumindest begehrt. Aber halt von den falschen, die sie nicht liebt. SCHLINGMANN: Sie wird von Männern begehrt, auch deshalb, weil sie sich verweigert. Aber es überwiegen schon die Angriffe gegen sie. Sie ist eine Außenseiterin. Wenn sie dann zurückgeht ins Dorf und reich ist, als der Vater gestorben ist, wird sie auch hartherzig. Sie nutzt ihre soziale Stellung aus. Aber es ist immer auch diese unbefriedigte Liebe, die in ihr gärt. Und das ist schon eine wahnsinnig interessante Entwicklung, die diese Figur durchmacht. Sie fängt an als naives Mädchen, bei der Firmung, und endet als Chefin von einem großen Hof mit Geld und Macht. Und am Schluss ist sie völlig gescheitert. GERM: Warum gescheitert? Es gibt doch ein Happy end. SCHLINGMANN: Das Happy end, das ist der Heimatroman. Bloß so eine angeklebte Briefmarke. Wir lösen das in der Inszenierung so, dass ihr der Bären-Joseph am Schluss mehr wie im Traum erscheint. Da bleibt einiges offen. Ich hab ja den Eindruck, dass die Wally verrückt wird, dass sie durchdreht da oben in ihrer Einsamkeit. Das Dorf hingegen bleibt am Ende, wie es am Anfang war. Bei denen hat nichts gewirkt. Nichts hat sich verändert. GERM: Du hast davon gesprochen, dass sich dieser Heimatroman von anderen im Hinblick auf die weibliche Hauptfigur unterscheidet. Liegt das vielleicht darin, dass hier eine Autorin am Werk war. Ist Wilhelmine von Hillern für dich auch als Persönlichkeit wichtig? SCHLINGMAN: Wir haben uns natürlich mit der Autorin beschäftigt. Sie war auch eine Außenseiterin, als Künstlerin in der Gesellschaft des 19.Jhs. Aber, also ich weiß nicht so recht. Eine bewusste Abgrenzung zur Heimatliteratur hat sie, glaube ich, nicht vorgenommen, Ich glaube, dass der Wilhelmine von Hillern das eher passiert ist, diese ungewöhnliche Figur, diese Geier-Wally mit ihrer großen dramatischen Entwicklung. Und dann dieser Konflikt zwischen der Frau und der Gesellschaft. Deswegen ja auch der Chor. GERM: Der Chor steht für das Dorfkollektiv. SCHLINGMANN: Ja, das, und dann ist er auch ihr Ansprechpartner. Aus dem Chor kristallisieren sich auch einzelne Figuren raus. Der Vincenz, der Vater. GERM: Ist es Zufall, dass mir während der Lektüre des Stücks dauernd mythische Frauengestalten eingefallen sind, Medea, Brunhild, Penthesilea vor allem...und übrigens auch Kleists Käthchen mit ihrer unbedingten Liebe. Ist die Wally nicht überhaupt eine seltsame Synthese zwischen Käthchen und Penthesilea? SCHLINGMANN: Ja, das hat schon was sehr Archaisches. Aber bei der Wally ist halt alles viel schlichter. Es ist ja gar kein intellektueller Stoff. Ich hab auch versucht, das mit großer Schlichtheit zu inszenieren. Man kann ja nicht sagen, dass sich so eine Geschichte heute so ereignen könnte, also sicher nicht in der Stadt. Man kann die Geschichte vielleicht als Modell sehen. GERM: Also doch als etwas Mythisches, zumindest teilweise herausgehoben aus Zeit und Raum. SCHLINGMANN: Die Erfahrung, die fast jeder kennt, ist die: aus irgendwas raus zu wollen und am Ende einsehen müssen: Ich komm da nicht raus. Die Wally will die Freiheit, will die Verwirklichung in der Liebe. Und der, den sie liebt, gehört aber mit Haut und Haar zu der Welt, aus der sie ausbrechen will. Sie projiziert alles in diese Liebe hinein, weil sie auch nichts anderes hat. GERM: Naja, der Vincenz würde sich als Alternative anbieten. SCHLINGMANN: Ja gut, es geht aber nur über die Liebe in diesem einen Dorf. Wally hat zum Beispiel nicht die Möglichkeit in die Stadt zu gehen. Wenn sie irgendeine Alternative hätte. Das historische Vorbild zur Wally ist ja Malerin geworden. Die hat was anderes für sich gefunden, aber die Romanfigur findet nichts. Sie ist total rebellisch, aber sie hat keine Idee, wie sie die Situation wirklich verändern könnte. Sie hat ja nicht einmal die sprachlichen Möglichkeiten... GERM Wir sprechen nicht ohne Grund immer von der Hauptfigur. Haben die anderen Figuren überhaupt eine Chance, ihrer Einbindung ins Dorfkollektiv zu entgehen und auf der Bühne individuell zu werden? SCHLINGMANN: O doch, die haben schon auch ihre individuellen Seiten, sogar auch ihre großen Szenen. Aber sicher, was den Abend zusammenhält, das ist die Geierwally-Figur. Andererseits, der Vater... GERM: Der erscheint mir, zumindest im Text, als holzschnittartige Figur, ohne Nuancen, einfach ein Bühnenbösewicht. SCHLINGMANN: Naja, den sehen wir schon differenzierter. Dadurch dass wir den Chor dabei haben, können wir zeigen, dass er von den anderen auch Druck erfährt, so in dem Sinn: Jetzt mach doch mal was, dein Kind ist so schrecklich. |
| Aktuelle Pressefotos |
![]() |
![]() |